Studierende im digitalen Semester: Dopamin-Detox

Probier’s mal mit Dopamin-Detox!

von Simon, 6. Semester der TU Darmstadt

Die Coronapandemie verlangt uns Studierenden einiges ab. Obwohl man sich den täglichen Weg zur Uni spart und dadurch vermeintlich mehr Zeit für den Lernprozess hat, scheint es manchmal als ob sich die ganze Arbeit ständig vervielfachen würde. Da hat man gerade das Zoom-Meeting der ersten Vorlesung überstanden und schon hat sich die To-Do-Liste um gefühlte hundert Punkte erweitert. Gleichzeitig muss man sich im Home-Studium auch ständig um andere Bereiche des Lebens kümmern: Wenn der Mitbewohner mal wieder die Nase ins Zimmer streckt um auf die ungeputzte Küche aufmerksam zu machen, die Freunde an den See fahren möchten oder sich die liebe Mutter zum Kaffeetrinken einlädt. Der Kopf scheint vor Terminen und Aufgaben nahezu zu explodieren. Dann ist man manchmal den ganzen Tag beschäftigt, macht hier und dort mal was, aber nie irgendwas fertig, ist ständig unter Strom, ohne das Gefühl etwas geschafft zu haben. Jeder Tag ist ein erneuter Kampf gegen die Unordnung, das Chaos, das Leben.

Wie schafft man es also mal durch zu atmen, einmal Luft zu holen? Der Idealzustand wäre sicherlich, die schön geschriebene To-Do-Liste Punkt für Punkt wegstreichen zu können, vielleicht nicht mit Lust aber wenigstens mit Gewissenhaftigkeit an jeder Aufgabe zu arbeiten und schließlich am Ende des Tages behaupten zu können „Heute, ja heute, habe ich alles geschafft was ich mir vorgenommen habe!“ Das ist ein Traum, aber das ist niemals Wirklichkeit.

Eines haben wir alle gemeinsam: Wir waren schon oft an diesem Punkt, an dem wir von unserem fleißigen Ich geträumt und geschwärmt hatten, wo die Hoffnung noch lebte, aber wo insgeheim schon wieder unser dunkles Ich aus dem Keller kroch und sich unseres Verstandes bediente. Dann wird der Instagram-Feed des gesamten vergangenen Jahres erforscht, die Bleistifte aus dem Mäppchen der Länge nach sortiert oder einfach mal ein Nickerchen gemacht. Die wahren Aufgaben des Lebens aber bleiben in solchen Momenten, wie so oft, einfach auf der Strecke.

Es gibt unzählige Tipps und Tricks, Ratschläge und Techniken die gegen das Prokrastinieren helfen sollen und ich habe sie alle ausprobiert. Hier an dieser Stelle möchte ich die Dopamin-Detox vorstellen. Dopamin, das kleine aber wirkungsvolle Stückchen Belohnung für alles was uns kurzfristig Spaß und Entspannung bereitet. Immer da immer nah, aber immer brandgefährlich. Denn es ist überall zu haben, das kleine Monster Dopamin: Auf Youtube, am Kühlschrank, auf Instagram, im Zucker, Nikotin und auf Netflix.

Einmal Abschied zu nehmen von diesem kleinen Dopaminmonster ist unglaublich schwierig und doch kann ich es jedem empfehlen: Einen Tag in der Woche ohne Videos, Computerspiele, Serien, Bücher oder Süßigkeiten ist eine wahre Prüfung, aber dennoch sehr befriedigend. Dann sitzt man zum ersten Mal seit langem wieder am Küchentisch, schaut oder hört sich nichts dabei an, konzentriert sich nur aufs Essen. Man wird zu einem dieser alten Menschen die ständig am Fenster stehen und beobachten was draußen so passiert. Dann etwas Anderes hat man ja dann nicht mehr zu tun. Und dann überkommt sie einen: die Langeweile. Ein Gefühl der Trägheit und Unlust, wie ein schwarzes Loch in der Seele. Sie füllt langsam unseren gesamten Körper, breitet sich aus und wird schließlich so unglaublich unerträglich, dass die einzige Option, die jetzt noch bleibt, um einen aus dieser misslichen Lage zu befreien, die To-Do-Liste der Uni ist. Was kann es schöneres geben, als dieser unsäglichen Leere Einhalt zu gebieten? Plötzlich, wenn die vielen kleinen Dopaminfallen des Lebens keine Option mehr sind, wird die To-Do-Liste zu einem wahren Segen. Und wenn man diesem wünschenswerten Moment erreicht hat, quasi das Nirwana der Langeweile, in dem man vor Lust und Vorfreude auf die eigentlich so unangenehmen Aufgaben des Lebens nur so sprüht, dann, ja dann, hat man sich die Dopaminfallen auch wieder verdient.

Zum Originalbeitrag vom 20.07.2020

 

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