Deutsch als Fremdsprache: Was funktioniert digital – was besser in Präsenz?

Digitale Lehre mit extrem heterogenen Lernendengruppen und sprachlichen Barrieren: Dass das tatsächlich möglich ist, hat der Bereich Deutsch als Fremdsprache (DaF) der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) im Coronasemester 2020 unter Beweis gestellt. Von neuen Erfahrungen und Erkenntnissen.

Regulär findet der Unterricht im DaF-Bereich in Präsenz in Gruppen á 25 Studierenden und mit sehr viel Interaktion statt. Bildungsausländische Studierende sollen sich dort auf ihre Sprachprüfung für den Hochschulzugang vorbereiten, die ihnen den Weg ins CAU-Studium ebnet. Neben (Uni-)Deutsch lernen die Teilnehmenden dabei auch Gepflogenheiten und Fachkulturen an hiesigen Universitäten kennen. Was passiert, wenn zu den ohnehin vorhandenen sprachlichen Barrieren auch noch technische Hürden hinzukommen, hat das aktuelle Coronasemester gezeigt – mit teils überraschendem Resultat.

Kati Lüdecke-Röttger, die im DaF-Bereich die fachliche Leitung der Studienvorbereitung innehat, bilanziert: „Wir mussten zum Semesterstart fünf täglich stattfindende Kurse mit insgesamt 130 Studierenden, für die insgesamt zehn Lehrkräfte zuständig sind, völlig neu konzipieren. Das erforderte enorm viele Absprachen.“ Glücklicherweise blickt die versierte DaF-Dozentin auf viele Jahre Lehrerfahrung im digitalen Sprachunterricht zurück, nur so war es möglich, die Herausforderungen im Coronasemester überhaupt zu stemmen.

„Was sind die zentralen Inhalte, wie wollen wir sie didaktisieren und wie lässt sich das technisch zielführend umsetzen?“ Dieser Dreischritt hat sich aus Kati Lüdecke-Röttgers Sicht als Richtschnur bewährt, wenn es darum geht, rasch im Team ein neues digitales Lehrkonzept zu entwickeln. Waren die drei Fragen erst einmal beantwortet, konnten konkrete Aufgabenpakete geschnürt und im Team verteilt werden.

Dass die Kurse pünktlich zum Semesterstart beginnen mussten, hatte Priorität, weil die 13-wöchige Vorbereitungszeit für die sprachliche Hochschulzugangsprüfung am Semesterende ohnehin knapp bemessen ist. Binnen zwei Wochen galt es deshalb, die auf Präsenzlehre ausgerichteten und seit Jahren dafür beständig optimierten Veranstaltungskonzepte ins Digitale zu übersetzen. „In diesem Sommersemester haben wir so viel neu entwickelt und so viele Bausteine getestet – ich bin wirklich stolz auf unser Team, seinen Einsatz und die Motivation aller Beteiligten“, sagt Kati Lüdecke-Röttger. Im kommenden Semester könne man nun wunderbar auf diese Erfahrungen aufbauen und ein wirklich rundes Blended-Learning-Konzept präsentieren, „denn jetzt wissen wir: Was funktioniert am besten in Präsenz, was gut oder vielleicht sogar besser online.“

Kurs im OpenOLAT als Herzstück des neuen Konzepts

Insgesamt ist ein Mix aus synchronen und asynchronen Veranstaltungselementen entstanden – also aus solchen, an denen zeitgleich alle gemeinsam in der Gruppe teilnehmen und solchen, die jede_r Teilnehmer_in von zu Hause aus einzeln bearbeiten kann. Der neue Kurs auf der eLearning-Plattform OpenOLAT ist das Herzstück dieses Konzepts, flankiert wird er durch täglichen Unterricht per Zoom-Konferenz im Gruppenverband und durch 6 Semesterwochenstunden Präsenzunterricht in Kleingruppen. Strukturell orientiert sich der OLAT-Kurs an den Kurswochen im Semester, jedem Tag sind dabei eigene Inhalte zu bestimmten Themenblöcken und Fertigkeiten zugewiesen. Dazu zählen beispielsweise Einführungen, Wiederholungen und Vertiefungen grammatischer oder thematischer Aspekte genauso wie Übungen zum Hörverstehen. Alle digitalen Lehrmaterialien sind indes so aufgebaut, dass sie eng ineinandergreifen, einige Arbeitsaufträge sind dabei als Wochenaufgaben angelegt, andere zu bestimmten Terminen zu erledigen.

Zudem sind eigens für den OLAT-Kurs zahlreiche Videoclips von rund 15 bis 20 Minuten Länge entstanden, die ähnlich wie frontal vorgetragene Unterrichtsblöcke in der Präsenzlehre funktionieren und in neue Themeneinheiten einführen. Zu jedem dieser Videos erhalten die Studierenden Arbeitsblätter, mit deren Hilfe sie das Gelernte unmittelbar anwenden und reflektieren können.

Was funktioniert digital – was besser in Präsenz?

Als Herausforderung hat sich jedoch die Korrekturarbeit erwiesen, die durch die stärker schriftlich ausgerichteten asynchron stattfindenden Kurselemente deutlich zugenommen hat und die für die Lehrenden in intensiven Unterrichtsphasen kaum noch zu stemmen war. „Insgesamt waren die Herausforderungen des Coronasemesters natürlich sehr anstrengend, aber als absolut positiv habe ich erlebt, dass wir all unsere Konzepte im Team hinterfragen, neu sortieren und optimieren konnten“, gibt Kati Lüdecke-Röttger rückblickend zu Protokoll. Für neue Transparenz sorgte außerdem, dass die einzelnen OLAT-Kurse jederzeit allen beteiligten Lehrenden offenstehen – „das ist, als würde man im Unterricht die Tür offenlassen und alle Kollegen könnten einem beim Lehren zuschauen“, so Lüdecke-Röttger weiter.

Auf diese Offenheit müsse man sich natürlich erst einmal einlassen – doch das Team wachse dadurch noch enger zusammen, man gebe sich gegenseitig Feedback, berate einander und arbeite so wirklich gemeinsam daran, möglichst gelungene Lehre umzusetzen. „Zu unserem Team gehören sehr viele erfahrene Lehrende, die schon seit langer Zeit unterrichten, jedoch mit neuen digitalen Lehr-Lern-Formaten bislang wenig in Berührung gekommen sind. Trotzdem haben sich alle sich gern auf die neuen Ideen im Coronasemester eingelassen, unsere tolle gemeinsame Arbeit begeistert mich wirklich sehr“, sagt die Dozentin.

Im kommenden Semester wird der DaF-Bereich von den bisherigen Erfahrungen und neuen Erkenntnissen profitieren. Einige Elemente funktionieren demnach wunderbar digital, zum Beispiel Grammatikthemen – „das hätte ich so nicht erwartet, aber die Studierenden haben uns das eindeutig zurückgemeldet“, so Kati Lüdecke-Röttger. Vielen Studierenden hilft es offenbar, wenn sie komplexe Inhalte im eigenen Tempo bearbeiten und gegebenenfalls zwischendurch noch einmal etwas nachschlagen können. Was dagegen möglichst in Präsenz stattfinden sollte, ist nach jüngster Erfahrung der Dozentin zum Beispiel das Prüfungstraining, das sehr komplex und stark interaktiv ausgerichtet ist.

Zum Originalbeitrag vom 17.07.2020

 

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